Ein FSJ in Ghana Folge 36: Inländischer Sklav*innenhandel

Ein FSJ in Ghana Folge 36: Inländischer Sklav*innenhandel

Der transatlantische Sklav*innenhandel erlangte grausame Berühmtheit: Über drei Jahrhunderte hinweg etablierten europäische Kolonialmächte ein profitorientiertes System des Menschenhandels. Im sogenannten Dreieckshandel versklavten sie Menschen an der Küste Westafrikas und verschifften sie nach Amerika, um dort preisgünstig landwirtschaftliche Erzeugnisse für den europäischen Import zu erwirtschaften. 

Dieses Verbrechen an der Menschheit wird in Ghana nach und nach aufgearbeitet (siehe Folge 18: Transatlantischer Sklav*innenhandel). Wesentlich weniger internationale Aufmerksamkeit erfährt jedoch die Frage: Welchen Einfluss hatte der Kolonialismus auf den innerafrikanischen Sklav*innenhandel? 

Bis heute sind Spuren des „Pikworo Slavecamp“ in Nordghana sichtbar, wie diese Ausstellung in Bolgatanga erklärt.

Innerafrikanischer Sklav*innenhandel

Bereits vor der Ankunft europäischer Kolonialmächte existierte Sklaverei auf dem afrikanischen Kontinent: Vor dem Hintergrund lokalpolitischer Konflikte wurden Kriegsgefangene genommen, oder die siegreiche Partei forderte menschliche Tribute ein. Aber auch innerhalb einer ethnischen Gruppe konnten Menschen in Form von Verpfändung oder als Schuldenabgleich versklavt werden. Es ist davon auszugehen, dass Sklav*innen grundlegende Rechte besaßen und sich freikaufen konnten. 

Nach ihrer Ankunft an der Küste Westafrikas nutzten europäische Kolonialmächte den bestehenden inländischen Menschenhandel, um ein profitables koexistierendes System zu etablieren: Sie tauschten importierte Luxusgüter wie Waffen oder Alkohol gegen versklavte Menschen aus dem Landesinneren. Diesen Handel traten sie mit ethnischen Gruppen wie der Fante ein, welche direkt an der Küste lebten, und somit lag der überwiegende Teil des westafrikanischen Sklav*innenhandels weiterhin in lokaler Hand. 

Aus dieser Gegebenheit leiten wohl einige Menschen ab, Afrika träfe eine gewisse Mitschuld an der systematischen De-humanisierung des transatlantischen Sklav*innenhandels. Diese Annahme folgt allerdings einem rassistischen beziehungsweise neo-kolonialen Narrativ, dem ich an dieser Stelle widersprechen möchte: Die Geschichte des Kolonialismus ist immer zugleich auch eine Erzählung über verlorene Autonomie; nichts kann die europäischen Eingriffe in die Souveränität afrikanischer Gesellschaften rechtfertigen. Die Kolonialmächte intensivierten durch gezielten politischen Einfluss und Waffenlieferungen bestehende Konflikte und katalysierten somit den innerafrikanischen Menschenhandel. Alleine sie bedingten die Etablierung eines Systems inhumanster Entwürdigung – und profitierten davon am meisten.

Kurz vor Salaga war es den versklavten Menschen erlaubt, zu baden und ihre Wunden mit Sheabutter zu behandeln. So konnten sie auf dem Marktplatz zu höheren Preisen verkauft werden.

Der weite Weg

Der von den Kolonialmächten angetriebene Menschenhandel fand seine Anfänge weit im Landesinneren: Zahlreiche Orte zeugen noch heute von den beschwerlichen Märschen durch meist unbelebtes Land, zu denen versklavte Menschen aus dem heutigen Togo, Nigeria und sogar Mali gezwungen wurden. Das „Pikworo Slavecamp“ nahe der Grenze Burkina Fasos diente beispielsweise als Ess- und Trinkstätte, und nur zwei Stunden südlich von Tamale befindet sich einer der einst geschäftigsten Sklav*innenmärkte Westafrikas: Salaga, der Schnittpunkt zweier Haupthandelsrouten. Hier wurden die Gefangenen zunächst mit dem Nötigsten versorgt, um dann auf dem Marktplatz möglichst profitabel an Menschenhändler aus dem Süden verkauft zu werden.

Am Ende dieser langen, im höchsten Maße organisierten Handelskette standen die europäischen Kolonialmächte. Nähere Details des transatlantischen Sklav*innenhandels lassen sich in der interaktiven Datenbank SlaveVoyages.org nachvollziehen. 

Deutsche Kolonialgeschichte

Auch wenn europäische Kolonialmächte bereits seit dem 15. Jahrhundert an der Küste Westafrikas Handel betrieben, drangen sie erst im Zuge der zunehmend imperialistischen Außenpolitik des 19. Jahrhunderts weiter ins Inland vor. Dieser sogenannte „Scramble for Africa“ begann offiziell mit der Berliner Konferenz im Jahr 1884; hier sicherte der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck eine deutsche Kolonie im heutigen Togo, welche auch weite Teile Nord- und Ostghanas umfasste. 

1957 erlangte Ghana als erstes afrikanische Land der Sub-Sahara seine Unabhängigkeit.

Erinnerungen dieser deutschen sogenannten „Musterkolonie“ sind bis heute sehr präsent: Beispielsweise gründete die Norddeutsche Missionsgesellschaft hier die „Presbyterian Church“, um den christlichen Glauben sowie westliche Werte zu vermitteln. Doch nicht nur Missionare und Händler waren in dem „Schutzgebiet Togo“ präsent, selbst das deutsche Militär erlangte durch seine zahlreichen Kriege traurige Berühmtheit. Auch die Dagomba (Folge 27) unterlagen nach sieben Jahren erfolgreichem Widerstand schließlich den modernen deutschen Waffen: Sie verloren am 4. Dezember 1896 auf dem „Battlefield of Adibo“ und mussten ihre Häuser aufgeben, um sich vor den Feuerlegungen der Schutztruppe zu schützen. 

1914 verlor Deutschland seine Kolonien gegen andere europäische Kolonialmächte; im Zuge des Versailler Vertrags (1919) teilten Frankreich und Großbritannien das ehemalige „Deutsch-Westafrika“ zwischen sich auf.

Heute sind nur wenige Details der (deutschen) Kolonialgeschichte veröffentlicht und das sozioökonomisch schwächere Nordghana ist kaum an den Aufarbeitungen beteiligt. Entsprechend dürftig ist auch die Quellenlage. Für mich ist es daher ein Privileg – und eine Verantwortung – diese Orte europäischer und deutscher Geschichtsschreibung nachverfolgen zu können. Denn auch wenn die Verbrechen in dieser Form einmalig waren, existieren neo-koloniale Machtstrukturen sowie moderne Sklaverei auch heute noch.

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