Ein FSJ in Ghana Folge 37: Internationale Entwicklungszusammenarbeit

Ein FSJ in Ghana Folge 37: Internationale Entwicklungszusammenarbeit

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) kategorisiert Ghana als einen „Reformpartner“ und bindet seine finanziellen Zusagen an Reformschritte der ghanaischen Regierung. Als einer der wichtigsten „Entwicklungspartner“ des Landes stellte Deutschland erst Ende letzten Jahres weitere 80 Millionen Euro für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu Verfügung – insgesamt verfügt das BMZ über 12 Milliarden Euro, etwa 2,5 Prozent des gesamten Bundeshaushaltes 2023. 

Das Programm Power to You(th) beschäftigt sich aktiv mit „Southern Leadership“ – in einem fünftägigen Workshop der „Partnership Brokering Association“ übten wir Zusammenarbeit so zu vermitteln, dass alle Parteien davon profitieren.

Mit diesem Text möchte ich globale Geldflüsse sowie deren Implikationen auf nachhaltige Entwicklung thematisieren. Das große Thema der internationalen Entwicklungszusammenarbeit hat mich in den letzten Monate sehr beschäftigt und dieser Beitrag basiert größtenteils auf meinen Erfahrungen aus dem Programm „Power to You(th)“ (Folge 28). 

Southern Leadership 

Power to You(th) begründet sich im sogenannten „Southern Leadership”; das bedeutet, dass Programminterventionen trotz Finanzierung aus dem Globalen Norden innerhalb des ghanaischen Kontextes gedacht und durchgeführt werden. Konkret sieht das so aus, dass ein Konsortium lokaler Organisationen Power to You(th) koordiniert und alle Aktionen kontextgebunden selbst entwirft, kalkuliert und auswertet. 

In dem Artikel „The journey to Southern leadership in programming” erzählt der Vorsitzende dieses Konsortiums allerdings von der Erfahrung, nur auf dem Papier gleichberechtigt zu sein: „Although Northern CSOs [Civil Society Organisations] generally use a vocabulary that shows an intention to work in an equitable way, daily practice in international programming often demonstrates power differences between CSOs from the Global South and those from the Global North.” Obwohl er hierbei nicht explizit über Power to You(th) spricht, weist auch dieses Programm Elemente der Ungleichheit auf: Ganz zentral ist hierbei die einseitige Abhängigkeit der Süd-Partner vom Fördergeld aus Europa. Diese Abhängigkeit macht sie unautonom und unflexibel, Programminterventionen bleiben kurzfristig. Finale Entscheidungen werden weiterhin meist im Globalen Norden getroffen und die Süd-Partner richten ihre Konzepte und Berichte häufig schon im Vorhinein mehr auf den Geldgeber als den eigentlichen landesspezifischen Kontext aus. Sehr eindrücklich wird das an dem Beispiel, dass Power to You(th) Menschen diverser Geschlechtsidentitäten direkt adressieren soll – der gesellschaftliche und politische Kontext in Ghana dies aber ausdrücklich nicht befürwortet.

Ghana beyond Aid

Die Begrifflichkeit Globaler Norden und Globaler Süden sind hierbei weniger geografische Bezeichnungen, als vielmehr Begriffe der Entwicklungspolitik. Sie beschreiben globale Machtgefälle und gegenseitige Abhängigkeiten zwischen politisch sowie sozial-ökonomisch privilegierten Staaten des Globalen Nordens und strukturell benachteiligten Ländern des Globalen Südens. Diese globalen Machtstrukturen sind meist ein spätes Erbe imperialistischer Ausbeutung und anhaltender neo-kolonialer Strukturen. Insbesondere auf dem Weltmarkt und in der internationalen Politik haben Länder des Globalen Südens weiterhin nur wenig echtes Gewicht. 

Als Land des Globalen Südens befindet sich Ghana meist auf der empfangenden Seite internationaler Geldflüsse; zwischen 2016 und 2018 betrug der Anteil internationaler Zuschüsse und Darlehen etwa 5,7 Prozent aller Haushaltsausgaben. Die ghanaische Regierung bezeichnete diesen Beitrag als „significant“ und antwortete 2019 mit der Charter „Ghana beyond Aid“: „We can, and should, build […] a Ghana that is beyond dependence on the charity of others to cater for the needs of its people, but instead engages with other countries competitively.”

Bereits seit 2010 ist Ghana als ein Land mittleren Einkommens eingestuft. Diese Kategorisierung entscheidet über die Art an Geldflüssen in das Land und Ghana verlagert sich für viele Länder des Globalen Nordens zunehmend zu einem Handels- und Investitionspartner – beziehungsweise im Bezug auf das BMZ zu einem „Reformpartner“, der im Gegenzug zu niedrigen Krediten gewisse Auflagen erfüllen muss. Allerdings reflektiert dieser „middle income“-Status nicht ganz Ghana und das Land befindet sich im Dilemma, humanitäre Lücken insbesondere im Norden des Landes (noch) nicht ohne finanzielle Unterstützung schließen zu können. 

Als obligatorischer Teil des weltwärts-Programms beschäftigen wir uns während des Zwischenseminars mit (deutscher) Entwicklungszusammenarbeit und unserer Rolle als Nord-Süd-Freiwillige.

Das weltwärts-Programm

Dementsprechend gibt es weiterhin zahlreiche entwicklungspolitische Projekte im Land, unter anderem das deutsche weltwärts-Programm: Hier lernen junge Menschen in einem interkulturellen Kontext mehr über sich selbst, das Leben in anderen Kulturen und über globale Machtgefälle. Zum zehnjährigen Jubiläum drückte weltwärts den Wunsch aus, „dass die Teilnehmenden verändert aus ihrem Einsatz zurückkehren: offener, sensibler, nachdenklicher und ausdrücklich auch kritischer.“ Dies verstärke das Potential für positiven gesellschaftlichen Wandel – mit einem verantwortungsbewusstem Globalen Norden. 

Allerdings gibt es am weltwärts-Programm die berechtigte Kritik, dass nur ein Bruchteil der Teilnehmenden aus dem Globalen Süden kommt; die sogenannte Süd-Nord-Komponente des weltwärts-Programms ermöglicht es jungen Menschen im Globalen Süden, einen Freiwilligendienst in Deutschland zu machen. Allerdings ist auch dieses Projekt von Fördermitteln aus dem Globalen Norden abhängig und die wenigen Süd-Nord-Freiwilligen begegnen oft finanziellen und bürokratischen Hürden. 

Entsprechend der entwicklungspolitischen Agenda dient der weltwärts-Freiwillgendienst dem Lernen und der (Selbst-) Reflektion.

Innerhalb der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bestehen daher sowohl auf der politischen Ebene als auch der Ebene der Organisationen weiterhin so große globale Ungleichheiten, dass der Globale Süden meist am wenigsten profitiert. Gleichzeitig sind Süd-Partner oft so auf die finanzielle Unterstützung angewiesen, dass sie ihre Abhängigkeit leise ertragen müssen. 

Meiner Meinung nach sind entwicklungspolitische Akteure des Globalen Nordens damit umso mehr in der Verantwortung, diese Machtstrukturen ehrlich zu hinterfragen. Das bedeutet, Süd-Partner als gleichberechtigt anzuerkennen und bereit zu sein, von deren Erfahrungen und Expertisen zu lernen. Und es bedeutet, entwicklungspolitische Gelder nicht an inhaltliche Auflagen zu knüpfen, sondern die Koordination komplett dem Süd-Partner zu überlassen. Wirtschaftspolitisch bedeutet es, Länder des Globalen Südens darin zu unterstützen, ihre eigene Rohstoffverarbeitung aufzubauen und Produkte auf den Weltmarkt zu exportieren. 

Gefällt Ihnen diese Seite?

Bitte bewerten Sie uns!

Durchschnitt 4.2 / 5. Bewertungen: 5

✉ Beitrag per Email versenden

Auch interessant: