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Ein FSJ in Ghana Folge 18: Transatlantischer Sklav*innenhandel

Mein erster Blick auf das Cape Coast Castle.

Den heutigen Beitrag habe ich ein wenig vor mir hergeschoben – das Thema ist zu groß, um angemessene Worte auszuwählen, das Thema ist so groß, dass es schon viel professioneller einzufangen versucht wurde. Allerdings wäre es genauso unpassend, das bis heute präsente und meinen Freiwilligendienst durchaus charakterisierende Thema „Kolonialismus“ ganz außen vor zu lassen.

In diesem Beitrag versuche ich deshalb, nach bestem Wissen und Gewissen mögliche Fenster zur tieferen Beschäftigung für mich und euch zu öffnen. Dabei spreche ich allerdings als Laie, als Nicht-Betroffene, als Verantwortliche. Ich spreche als Person, die das erste Mal im Cape Coast Castle wortwörtlich in Berührung mit dem Thema „Kolonialismus“ kam.

Cape Coast Castle

In Cape Coast gibt es neben dem Castle für Verwaltung und Handel auch noch viele weitere Spuren der Kolonialisierung, wie dieses ältere Gebäude zeigt.

Das Fort diente seit Errichtung als Handelsstützpunkt europäischer Länder und trug im 17. Jahrhundert unter anderem die schwedische, die niederländische und die dänische Flagge, bis sich ab 1665 Großbritannien behauptete. Der Handel beschränkte sich mit der Zeit allerdings zunehmend weniger auf Rohstoffe, die Kolonialmacht koordinierte und praktisierte im Cape Coast Castle die Versklavung von Menschen.

Die Festung kann dabei als eigene Stadt beschrieben werden und diente den Besatzenden als Verwaltungsgebäude und als Unterkunft mitsamt luftigen Schlafräumen, eigener Kantine und katholischer Kirche. Das Castle stand offen für Händler, die zwischen den gelben Wänden der Palaver Hall Menschen kauften.

Die transatlatischen Schiffe konnten aufgrund ihrer Größe nicht direkt an der felsigen Küste anlegen. Die Gefangenen wurden daher aneinandergekettet erst einmal in kleinere Boote gebracht, wie eine Zeichnung im Museum zeigt.

Die verkauften und nummerierten Sklav*innen wurden anschließend in das Gefängnis geführt. Dafür mussten sie hinunter, unter die weißen Verwaltungsgebäude, runter in den Felsen und in dunkle, feuchte, heiße Erde. Die wenigen Fenster hoch oben in der Wand sind eigentlich zu klein, als dass dadurch Tageslicht, etwas Regen oder auch nur frische Luft eindringen kann. Durch ein anderes Loch in der Decke riefen die britischen Soldaten Befehle in einer fremden Sprache oder warfen Essen auf die Gefangenen. An die damals knöchelhohe Masse an Urin, Fäkalien, Blut, Schweiß, Tränen und Erbrochenem erinnert heute nur noch ein Quadratmeter grauer Bodenbelag, welcher bei den Renovierungsarbeiten erhalten wurde. Die bis zu 1.500 Menschen warteten bis zu drei Monate auf die Verschiffung oder auf den Tod. Es gab nur drei Wege aus den Zellen: Weibliche Gefangene wurden in den Räumen der Besatzer vergewaltigt, aufständige Gefangene in der Execution Cell außnahmlos ermordet. Der dritte Weg führte durch die „Door of no Return“ zu den großen Transportschiffen, wo sie zum ersten Mal seit langem wieder Tageslicht und Meer erblickten, nur um auf die großen Überseeschiffe geladen zu werden – wer sich entschloss zu springen, zog alle angeketteten Personen mit in die Wellen.

Fort São Jorge da Mina

Das schwarz-weiße Elmina Castle vor blauem Himmel und türkisenem Ozean.

Nur wenige Kilometer weiter westlich thront das Elmina Castle und ist in jeglicher Hinsicht ein Superlativ: Von Portugal 1482 errichtet ist die Festung nicht nur das erste Fort in Ghana, sondern auch das älteste europäische Gebäude in Westafrika. Von dem größten Fort Ghanas verschifften die portugiesischen, niederländischen und britischen Kolonialmächte zahllose versklavte Menschen nach Amerika zur Plantagenarbeit oder nach Indonesien, um das niederländische Militär zu unterstützen.

Der größte Superlativ für mich persönlich war allerdings die überpräsente Doppelmoral auf dem unaushaltbar schönen Elmina Castle: Die Burg erhebt sich in paradisischer Kulisse direkt an der palmengesäumten Küste über eine Fischereistadt. Alles glänzt weiß wie Schnee und schwarz wie Ebenholz, nur das Blutrot ist eben nicht sichtbar. Hoch oben sind erneut die Räumlichkeiten der Kolonialherren platziert – allein das Schlafzimmer größer als eine Gefängniszelle für hunderte Personen. Auch die Kirche befand sich über den Köpfen der Gefangenen, welche somit zu Zeug*innen des Kirchengesangs und der Predigten über Nächstenliebe wurden.

Die Kirche im Innenhof beherbergt heute eine kleine Ausstellung.

Das alles macht mir deutlich, dass es sich beim transatlantischen Sklav*innenhandel neben der grausamsten ökonomischen Objektifizierung zusätzlich um eine systematische, bewusste Entwürdigung von Menschen handelt. Im Jahr 2022, also drei Jahrhunderte später, lassen sich die hier begangenen Verbrechen nur noch erahnen – aber schon diese Ahnung erzeugte bei mir Gefühle der Beklemmung, Ohnmacht, Schuld.

Der weitere Weg

Die Sklav*innenburgen in Cape Coast und Elmina sind nur zwei der 32 Forts, die heute noch bestehen und inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Ghana hatte somit die höchste Dichte an europäischen Festungen entlang der afrikanischen Küste. Schätzungen zufolge brachten die Kolonialmächte zwischen sechs und zehn Millionen Menschen noch bis ins 19. Jahrhundert von Westafrika nach Amerika.

Der Weg der Sklav*innen begann, noch endete er in den Forts. Meine Besuche im Cape Coast und Elmina Castle nehme ich allerdings als Anlass, mich tiefer mit der Kolonialgeschichte Ghanas zu beschäftigen. Und somit auch mit einem essentiellen Teil europäischer und ja, auch deutscher, Geschichte.

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Ein FSJ in Ghana Folge 17: Christentum

Während der Yam vor Ort frittiert wurde, spielten wir Karten und bedienten uns schon einmal am Reis.

Die große Mehrheit in Ghana glaubt christlich (71,3 %), knapp ein Fünftel ist muslimisch und weitere 3,2 % leben den traditionellen Glauben. Das ergab der Zensus für 2021. Betonen möchte ich dabei aber vor allem, dass der Anteil an Atheist*innen verschwindend gering ist – beziehungsweise, dass Religion viel offen(sichtlich)er als in Deutschland gelebt wird.

Christliche Feiertage

Erst einmal zu den Gemeinsamkeiten zwischen Ghana und Deutschland: Auch hier sind Weihnachten und Ostern nationale Feiertage, die überwiegend mit viel Essen und viel Familie verbracht werden. Über Weihnachten und Silvester habe ich ja schon einmal in früheren Beiträgen berichtet, zu Ostern möchte ich gerne noch einen kleinen Nachtrag schreiben.

Am Ostermontag finden hier in Tamale immer öffentliche Picknicks statt, die von mehreren Kirchen organisiert und von Menschen aller Glaubensrichtungen besucht werden. Auch meine Gastfamilie und ich gingen daher zusammen in den Park, im Gepäck Unmengen an Essen. Neben Essen, Tanz- und Theateraufführungen war die Hauptattraktion, herumzulaufen und dabei Bekannten zu treffen. Dabei genossen alle die sorglose und offene Atmosphäre, die aufgrund der Familien auf Picknick-Decken einerseits an Freibad, und andererseits an ein Festival mit Essensständen und Werbeartikeln erinnerte.

Anlässlich christlicher Feiertage gibt es natürlich auch besonders feierliche Gottesdienste. Am Karfreitag war der Dresscode schwarz, am Ostersonntag hingegen trugen alle weiß – alle bis auf meine Gastgeschwister, die haben es exakt anders herum gemacht.

Religion im Alltag

Schickmachen und Posen gehört für viele fest zum Kirchenprogramm – ich übe noch.

Auch unabhängig der Feiertage versuche ich, meiner Gastfamilie mehr oder weniger regelmäßig zur Kirche folgen. Da es sich um einen katholischen Gottesdienst handelt, ist die Liturgie vergleichbar zu Deutschland.

Ungleich zu Deutschland gibt es in Ghana jedoch neben dem Katholizismus eine Vielzahl anderer christlicher Kirchen, darunter zum Beispiel die methodistische, anglikanische, presbyterianische, baptistische und so weiter. Meine Kollegin und Freundin Nancy ist eine sehr engagierte Charismatikerin, für die verglichen mit mir Religion im Alltag eine bedeutend größere Rolle spielt. Aus unseren regelmäßgen Gesprächen erhalte ich den Eindruck, dass sie sich über ihren Glauben identifiziert. Die Bibel bietet ihr Grundlage und Referenz, die persönlichen Beziehung mit Gott eine tägliche Aufgabe.

Über sich selbst erzählt sie:

„I was a stount Catholic, I attended Catholic Church since I was about ten years. […] I loved the Catholic Church, it is my foundation.” Sie habe jeden Gottestdienst besucht, zudem im Chor gesungen und neben der Schule immer Zeit zum Beten gefunden. Mit 28 Jahren habe sie die Katholische Kirche jedoch verlassen: “And so, right from the Catholic Church, I moved to a Charismatic Church. I’m not judging the Catholic Church. But one of the things that made me leave the Catholic Church was that […] I was getting to a point, where I wanted to understand what I’m doing more, and better, I wanted to know who I am, when I call myself a Christian. I searched through the Catholic Church and I wasn’t getting a place or a group that I could align myself to and be able to study the Bible with very well.”

Nancy beim Beten

Stattdessen schloss sie sich der Charismatischen Kirche an, was sie in ihrem Glauben und Verständnis vom Christentum weiterbrachte: „The only place in the Catholic Church, was the Catholic Charismatic group. It helps you to learn a lot of things just like I’m doing now. So then, you have a blend of being a traditional Catholic, and also being like I am right now a Charismatic person.”

In dem Versuch, eine persönliche Beziehung mit Gott aufzubauen, betet Nancy täglich, fastet regelmäßig und geht mindestens drei Mal wöchentlich zur Kirche. Kirche sei notwendig, um die eigene christliche Identität zu finden: „There are so many things embedded in the Bible that in church we are being taught, you understand. So it’s a whole school on its own, a school that teaches how to do things the Christian way.”

Zukünftig möchte sich Nancy noch mehr auf ein ausführliches Studium der Bible konzentrieren – „if I want to become a pastor, I will be pastor. And I know that it’s getting there, I just need to dedicate myself more.” Das sagt sie auch vor dem Hintergrund, dass die meisten Kirchen weiterhin männlich dominiert sind: „[In some Churches] all their leadership right from the top to down are male. Again, women are the ones that play key roles, they are like foundations that are actually holding all these churches. You go to the Catholic Church where women are so instrumental in keeping the church the way it is, but then they are not at leadership, which is what I don’t understand. […] It’s a no-no for me.”

Bibelstudium

Im Alltag, sowie auf gesellschaftliche Fragen findet Nancy ihre Antworten immer in der Bibel: „[E]ven recently the Holy Spirit just directed me to read the Bible and it talks about child marriage, very interesting. Exodus 22:16-17. [And the word of God] fits perfectly into our laws whereby if you marry, or you want to forcefully marry a girl or you impregnate a girl it will come with certain consequences, it is in the Bible.”

Samuel und ich besuchen Nancy im Abendgottesdienst

Auch gebe die Bibel Anleitungen zu Genderrollen zuhause: „[I]n every Christian home I understand and accept that the man is the leader, because the word of God instructs us that Christ is the head of the church. Jesus Christ came and then he established the church, so he is the head of the church and the husband is the head of the family. […] It however does not mean that the man being the leader should oppress the woman or subdue the woman in a way that would make the woman unhappy or hurt. Because the word goes ahead to also give the man responsibility: actually, in the Bible it says that the man is supposed to love the wife. […] If you love somebody you are not supposed to hurt the person, you are supposed to give the person a fair share of your property. […] Being a leader does not mean that I have to take all the decisions in the home, no, that’s a very bad leadership.”

Auch die Rolle der Frau sei ihrer Meinung nach zwar klar definiert, jedoch häufig fälschlich ausgelegt: Mit ihrer Verantwortlichkeit, sich um das Haus zu kümmern, wäre ihre Rolle von gleicher Wichtigkeit wie die des Mannes. „[Furthermore, the Bible] gives women a responsibility to go out there and come back with the resources that are needed to run the home. […] So under normal circumstances […] we would be out there doing the work Proverbs 31:10-31.” Unlike some societies were women’s potentials and contribution to the household and the development of the society are relegated to the background or supressed.

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Ein FSJ in Ghana Folge 16: Klima und Natur

Während der Harmattan-Saison sind alle Straßen trocken und staubig – hier eine Demonstration.

Heute wurde unser Air Conditioner im Büro repariert. Anstatt jedoch unseren wiedergewonnenen Komfort zu genießen, haben wir die Kühlung gleich wieder ausgeschaltet – es war bereits zu kalt. Das liegt am Regen, der nachts gefallen ist, und an den Wolken, die seitdem den Himmel bedecken.

Noch vor wenigen Wochen wäre das unvorstellbar gewesen. In diesem Beitrag möchte ich deshalb ein bisschen darauf eingehen, welchen Einfluss das Smalltalk-Thema Wetter, oder vielmehr Klima, hier auf Natur, Landschaft und Gesellschaft hat.

Regen- und Trockenzeit

An diese Einführung muss ich ehrlicherweise anschließen, dass es aktuell 33°C hat. In Deutschland wäre ich bei solchen Temperaturen in Gedanken wohl schon beim nächsten Eisladen, wenn nicht schon komplett im Urlaub. Für Tamale sind Werte zwischen 35°C und 40°C allerdings mehr als normal.

Bei meiner Ankunft im Oktober war ich überrascht, wie schnell ich mich an dieses tropische Klima umgewöhnen konnte. Inzwischen bin ich lediglich überrascht, wenn ich abends aus dem Haus trete und die Luft nicht kälter, sondern wärmer als drinnen ist. Abgesehen davon arbeite ich jedoch trotz der Temperaturen normale acht Stunden, mache Sport und esse erstaunlich schweres Essen.

Blick aus dem Auto auf dem Weg nach Bolga, Dezember 2021

Innerhalb dieses unaufgeregten Umgangs mit Hitze allgemein gibt es aber große Unterschiede zwischen dry und rainy season. Bisher habe ich hauptsächlich die trockene Harmattan-Saison mitbekommen – für Tamale bedeutet das knapp fünf Monate ohne Regen. In Zusammenhang mit den Sahara-Winden habe ich das Wort „Catarrh“ kennengelernt, was zu meiner Überraschung Englisch ist und „Erkältung“ bedeutet. Mit der Trockenheit kam allerdings nicht nur Husten, sondern auch Staub. Die meisten Pflanzen verloren ihre Blätter oder wurden abgebrannt. Der Harmattan zeichnete sich insbesondere durch kalte Nächte und dementsprechend kalte Morgenduschen aus. Tagsüber hingegen stach die Sonne vom wolkenlosen Himmel, aber dank der niedrigen Luftfeuchtigkeit schwitzte ich kaum.

Im März änderte sich das Klima dann schlagartig: Im heißesten Monat rollten Schweißtropfen meine Beine hinab, selbst wenn ich mich nicht bewegte. Am Tag fünf Liter Wasser zu trinken ist deshalb generell kein Problem. Zu dieser Zeit begannen dann auch die ersten Regenfälle: Regen kündigte sich durch drückende Hitze an, die sich abends zu Gewitterwolken staute und dann nachts in heftigen Regenschauern entlud.

Inzwischen zähle ich nicht mehr mit, wie oft es schon geregnet hat (etwa zehn Mal). Generell wurden die Regenfälle regelmäßiger, länger und weniger extrem. Für mich fühlt es sich jedoch jedes Mal so an, als würde der Regen das Leben irgendwie verlangsamen. Ich glaube, das liegt daran, dass bei Regen alle im Haus bleiben, weil viele Straßen durch den Sturzregen zu gefährlich werden. Jedenfalls sind die Straßen dann leer, es ist ganz ruhig und Termine werden nach hinten verschoben. Wenn die letzten Tropfen fallen, beginnt das Leben dann langsam wie neu.

Letztens habe ich gehört, Regentropfen seien die Tränen Gottes. Daraus spricht meiner Ansicht nach die Abhängigkeit vom Regen: Im Norden sind fast alle Haushalte landwirtschaftlich tätig. Somit verspricht Regen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern vor allem eine gute Erntesaison.

Blick aus dem Auto auf dem Weg nach Bolga, April 2022.

Während der Trockenzeit malte ich mir häufig aus, wie Tamale quasi über Nacht grün werden würde. Ich erwartete, dass die verbrannten Grasflächen plötzlich Wiesen wären und der Wald wieder so verwachsen und undurchdringlich wie bei meiner Ankunft würde. Naja, so schnell ging es dann natürlich nicht. Trotzdem hinterlässt der Regen bereits seine Spuren: Pflanzen sprießen an allen unerwarteten Stellen, sodass ich viele Wege kaum noch wiedererkenne, und beim Blick in den Wald kann ich inzwischen nicht mehr die andere Seite sehen.

Norden und Süden

Diese Beobachtungen und Erfahrungen lassen sich alledings nur auf Tamale beziehen. 160 Kilometer weiter nördlich in Bolgatanga ist das Klima noch extremer: Während die Temperaturen in Tamale nicht unter 20°C fallen, brachte der Harmattan in Bolga nachts schon mal unter 15°C – und am Tag über 40°C. Halb im Spaß wird das häufig damit begründet, dass Bolga weiter oben und damit näher an der Sonne ist.

Mitten in der Palmöl-Plantage im Süden entdeckten Signy und ich eine kleine Ananas!

Wahr ist aber auch, dass es in Richtung Süden (also in Richtung Ozean) immer feuchter wird. Sowohl Qualität, als auch Quantität der Regenzeiten unterscheiden sich nämlich: Während es im Norden nur eine einzige Regenzeit hat, regnet es im Süden in zwei Regenzeiten und selbst gelegentlich während der Tockenzeiten um bis zu 50% mehr.

Einige unsichtbare Trennlinie durchläuft das Land beinahe mittig: Sie teilt die natürliche Vegetation in Savanne im Norden und Wald (teilweise sogar immergrünen Regenwald) im Süden. Durch die zweite Regensaison gibt es im Süden eine zweite Erntesaison. Beinahe ganzjährig wachsen hier dann Plantain (Kochbananen), Kokosnüsse und Kakaobäume, sowie alle weiteren erdenklichen Tropenfrüchte. Diese werden dann in LKWs nordwärts transportiert, für den Rückweg werden die Trucks mit Zwiebeln, Yam und Erdnüssen beladen.

Diese Zweiteilung beeinflusst natürlich auch die Ernährung im Land, wie ein einfaches Beispiel zeigt: Das aus meiner Sicht häufig fälschlicherweise als „Nationalgericht“ bezeichnete Fufu wird im Süden aus Cassava und manchmal Plantain gestampft, während im Norden ausschließlich Yam verwendet wird.

Ich habe daher die These, dass noch mehr der zahlreichen kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Norden und Süden im Zusammenhang mit diesen Klimaunterschieden stehen.

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Ein FSJ in Ghana Folge 15: In Tamale und um Tamale und um Tamale herum

Am Independence Day am 06. März wurde der Jubilee Park für die offizielle Feier genutzt – neben wichtigen Reden marschierten die verschiedenen Schulen im alljährlichen Wettkampf mit- und gegeneinander, das junge Publikum konnte dabei alle möglichen Snacks genießen

Mein Kollege Hamza hat mir letztens erzählt, wie Tamale eigentlich an seinen Namen kam: Der Shea-Baum heißt in der lokalen Sprache Dagbani „Tama“ und war Zentrum für die Community ebendiesen Namens. Seit ihrer Gründung ist die Community Tamale immer weiter gewachsen und mit angrenzenden Communities untrennbar verschmolzen. Heute zählt die drittgrößte Stadt Ghanas und regionale Hauptstadt der Northern Region offiziell knapp eine Millionen Einwohner*innen und ist die am schnellsten wachsende Stadt Westafrikas.

Dementsprechend vielfältig ist Tamale auch – ich möchte euch nach einem halben Jahr hier erzählen, was man alles machen kann, was ich gerne mache und auch, wozu ich noch nicht kam.

 

Auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten

In Tamale prägen Moscheen das gesamte Stadtbild. Die wohl prominenteste Sehenswürdigkeit ist dementsprechend die große, grün-weiße Central Mosque mitten im Stadtzentrum.

Ansonsten besteht das Stadtzentrum hauptsächlich aus dem Central Market, dem größeren und älteren der zwei großen Märkte. Hier lässt sich von Stoffen über Backpulver bis hin zu Snacks alles Wichtige finden, wer sich nicht auskennt fragt aber am besten gezielt nach.

Unweit der Central Mosque ist zudem der Paramount Chief’s Palace. Jede Community hat traditionell einen eigenen König, der Paramount Chief ist das wichtigste traditionelle Oberhaupt ganz Tamales. Für unsere Vorstellungen von Palästen wirkt sein Wohn- und Arbeitsplatz relativ unscheinbar und fällt von außen hauptsächlich durch seine tief türkisene Farbe auf. Ansonsten folgt der Palace der traditionellen Lehmarchitektur, die heute vor allem im Norden des Landes noch Verwendung findet: Ein Compound wird aus mehreren kreisrunden Räumen gebildet, die sich zu einem gemeinsamen, zentralen Hof hin anordnen. Die Materialien Lehm und Stroh wirken dabei wie natürliche Klimaanlagen.

In Laufentfernung befindet sich der Jubilee Park, ein weiter Platz mit Sitzrängen. Gewöhnlich dient der sonnige, staubige Platz höchstens für Fußballtrainings, ist aber gleichzeitig Veranstaltungsort.

Etwa zwei Jahre hat Tamale gespannt (!) auf seine Overhead gewartet, bis der Präsident Nana Akufo-Addo sie am 28. März drei Monate vor dem Zeitplan offiziell einweihte. Kreativ als Jumpdown, Flyover oder auch Interchange bezeichnet handelt es sich hierbei hauptsächlich um eine 1,1 Kilometer lange Straße in zehn Meter Höhe quer durch die Innenstadt.

Hier laufen die Vorbereitungen für ein Konzert im Stadion, das ich im November ich mit einem Freund besuchte.

Eine weitere moderne Sehenswürdigkeit ist das Aliu Mahama Sports Stadium, welches 2008 eröffnet wurde und über 20.000 Menschen fasst. Hauptsächlich wird das nach dem vorherigen Präsidenten benannte Stadion für Fußballspiele genutzt, bietet aber ebenso wie der Jubilee Park regelmäig Veranstaltungen an.

(Er-) lebenswürdig

Das sind bereits so gut wie alle Sehenswürdigkeiten in Tamale. Insgesamt ist die Metropole eher eine Stadt zum Leben, wirkt trotz ihrer Größe dörflich. Die Besonderheiten liegen im Detail, in der Atmosphäre. Daher genieße ich es immer, einfach einer der ewig langen Straßen zu folgen, entweder hinten auf dem Motorrad oder aber zu Fuß.

Dabei trifft man überall auf Stände mit Street Food. Auch Restaurants und Bars gibt es – darunter das Crest in der Innenstadt, von dessen Dachterasse man einen wunderbaren Blick zur Central Mosque und den Markt hat. Wer westlicheres Essen sucht, wird eigentlich immer in den (etwas teureren) Hotels fündig. Ich habe trotzdem seit einem halben Jahr keine Pizza mehr gegessen und finde die Hotels eher aufgrund ihrer öffentlichen Pools attraktiv. Etwas gezielter muss man suchen, wenn man in einen Club möchte. Tatsächlich habe ich bisher nur Erzählungen von durchtanzten Nächten gehört, wurde selbst auf meiner Suche nach Clubs aber noch nicht fündig.

Tagesausflüge

Ansonsten ist Tamale hauptsächlich aufgrund seiner strategischen Lage bei Händler*innen und Tourist*innen beliebt. Es liegt auf der dicht befahrenen Nord-Süd-Verbindung und ist nur wenige Stunden von Ghanas bekanntesten Nationalpark, dem Mole Park, entfernt.

Während der Trockenzeit ist der höhlenartige Vorsprung hinter dem ersten Wasserfall noch zugänglich.

Gute drei Stunden weiter südlich befinden sich zudem die Kintampo Waterfalls, die ich vor einigen Wochen gemeinsam mit Sophia aus Bolgatanga besuchte. Die erste Stufe des Wasserfalls ist nur wenige Meter tief und wir genossen ein richtiges Picknick auf wasserumspülten Felsen und unter dem stetigen Strom an Tourist*innen. Dann folgten wir dem ruhigen Fluss, der zwar ganzjährig Wasser führt, in der Regenzeit aber wesentlich stärker ist. Schließlich kamen wir zum eigentlichen Wasserfall, der weit in die Tiefe fällt. Über die Schlucht gibt es eine freihängende Brücke und unten im Wasserstrahl badeten einige der Besucher*innen.

 

Ein Ausstellungsstück der Art Gallery sind sonnenfarbene Capes, welche ursprüglich für ein Projekt (ein Spaziergang in absoluter Stille) angefertigt wurden.

Zu guter Letzt muss ich noch das Savanah Centre for Contemporary Art (SCCA) erwähnen – ein Ausstellungsraum in Tamale, der aktuell die zeitgenössische Austellung „Existing Otherwise“ präsentiert. Das Museum habe ich bewusst den „Tagesausflügen“ zugeordnet, weil ich in der angeschlossenen Bibliothek wohl noch viele Stunden verbringen werde. Außerdem erbaut der Künstler und Initiatior der Art Gallery Ibrahim Mahama derzeit weitere Räumlichkeiten am äußersten Stadtrand. Hier soll später Platz für direkten künstlerischen Austausch, eine Bibliothek weitere Austellungsräume sein. Auf dem Gelände befinden sich zudem sechs alte Flugzeuge, die umgebaut wurden und nun regelmäßig für Malworkshops mit Kindern genutzt werden.

Die Studios befinden sich aktuell noch im Bau und bieten so die perfekte Kulisse für den zweiten Teil der Ausstellung „Existing Otherwise“ – hier ein lebendiges Labyrinth aus lauter Sackgassen, welches das Spannungsgefüge von Freude und Frust, Wachstum und Aufgeben bereithält.

Immer wieder bin ich von Tamale und seinen Orten und Menschen überrascht. Inzwischen habe ich zwar meine üblichen Orte und Wege, weiß aber auch, dass ich noch viel Neues zu sehen habe.

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Ein FSJ in Ghana Folge 14: Projektarbeit

Die Teilnehmerinnen waren aktiv dabei und erhielten am Ende Binden.

Es ist inzwischen wieder eine ganze Weile her, dass ich von meiner Einsatzstelle NORSAAC erzählt habe und seitdem ist so Einiges passiert; nach der eher allgemeinen Einführung im vergangenen Beitrag möchte ich heute ausführlicher von einem Programm berichten, das ich zu Beginn des Jahres ziemlich eng begleiten durfte.

Very Young Adolescents (VYA)

Das Programm heißt „Very Young Adolescents“ und läuft mit finanzieller Förderung der britischen Stiftung Empower seit dem Jahr 2012 in Nordghana. Dem Namen entsprechend sind sehr junge Jugendliche die Zielgruppe, genauer gesagt Mädchen im Alter von neun bis 14 Jahren.

Die Teilnehmerinnen sollen durch das Programm nicht nur Wissen vermittelt bekommen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein steigern und Visionen erhalten – mit dem Ziel, so langfristig sexistische Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen und Armut zu reduzieren. Dafür besprechen sie in angeleiteten Safe-spaces ganz verschiedene Themen rund um Pubertät, Geschlechterrollen und reproduktive Gesundheit.

Ich selbst war bei den Themen Menstruation und Repräsentation von Frauen involviert und bereitete dafür im Januar nach Absprache mit den zuständigen Mitarbeitenden bei NORSAAC entsprechende Flipcharts vor. Anfang Februar trafen die finanziellen Mittel für Transportkosten und Anschaffung von Binden ein, wodurch wir mit der Implementation in zwei Distrikten beginnen konnten (Distrikte sind mit deutschen Wahl- oder Landkreisen vergleichbar).

„On field“ in Karaga

Mein Kollege Hamza und ich halten den Workshop zusammen.

Mein Kollege Hamza organisierte, dass ich ihn bei der Projektdurchführung im Distrikt Karaga begleiten konnte. Hier unterhält NORSAAC ein weiteres Büro, welches von Hamza geleitet wird. Allerdings ist Karaga über zwei Stunden von Tamale entfernt, weshalb ich hier zum ersten Mal für eine ganze Woche am Stück „on field“ arbeitete.

Wir erreichten Karaga am Montag, den 07. Februar, in bereits anbrechender Dunkelheit und Hamza zeigte mir das Büro, in welchem wir auch den Dienstagvormittag verbrachten. Da viele der Projektteilnehmerinnen noch zur Schule gehen, konnten wir uns erst nach dem Mittagessen auf den Weg zu den angedachten zwei Communities machen. Hier hatten die Ansprechpersonen bereits die rund 15 Jugendlichen im Zentrum der Community versammelt und wir begannen pünktlich mit dem Projekt – da ich mit den Folien am besten vertraut war, durfte ich sogar den Workshop halten, Hamza übersetzte und ergänzte dabei immer.

Einführend betrachteten wir die Verteilung an Führungspositionen, oder besser gesagt die massive Unterrepräsentation von Frauen in machtvollen Positionen weltweit. Diese zeigt sich auch im ghanaischen Parlament oder auf lokaler Ebene in Communities und Schulen, wie die Teilnehmerinnen erzählten: so ist der Schulsprecher in den meisten Fällen männlich, Schülerinnen hingegen übernehmen eher assistierende Rollen. Gemeinsam sammelten wir Gründe für diese ungleiche Verteilung, darunter gesellschaftliche Faktoren wie fehlende Rollenbilder oder unterschiedliche Bildungschancen. Die daraus resultierende Unterrepräsentation von Frauen bedeutet unter anderem, dass weibliche Perspektiven in Entscheidungsprozessen kaum Berechtigung finden.

Die Teilnehmerinnen nannten immer wieder fehlendes Selbstbewusstsein als Grund für weibliche Unterrepräsentation und bezogen sich damit auf den ungleichen Sozialisierungsprozess von Jungs und Mädchen. Daher ging es im Workshop auch um die Stärkung des Selbstvertrauens: In Partnerinnenarbeit sagten sich die Jugendlichen gegenseitig, was die jeweils andere für eine Führungsrolle auszeichnet.

Hier übertrage ich die Präsentation auf Flipcharts.

Außerdem sprachen wir auch über Menstruation und wiederholten dafür zunächst den Menstruationszyklus. Danach erzählten die Teilnehmerinnen von gesellschaftlichen Tabus, von (Unterleibs-) Schmerzen, von Krankheitssymptomen wie Schäche, Appetitlosigkeit oder Fieber und von Stimmungsschwankungen. Zudem thematisierten wir die Bedeutung von Menstruationshygiene, passend dazu erhielten alle Jugendlichen am Ende ein Paket an Binden.

Der Workshop dauerte etwa eine gute Stunde und wir wiederholten ihn am Mittwoch und Donnerstag in jeweils drei weiteren Communities. Auch wenn wir die Inhalte somit acht Mal wiederholten, blieb die Arbeit mit den teils sehr unterschiedlichen Gruppen spannend und wir passten den Workshop zunehmend an. Die praktische und menschen-nahe Arbeit gefiel mir sehr, abends fühlte ich mich durch die langen Fahrten, das viele Reden und die brennende Sonne allerdings auch ziemlich müde. Trotzdem war der Tag damit noch nicht vorbei: Im Hostel angekommen kümmerte ich mich entweder um meine staubige Wäsche, oder füllte den Projektbericht aus. Hamza und ich ließen die Abende aber immer gemütlich beim gemeinsamen Abendessen ausklingen, bei dem wir uns über die großen Unterschiede zwischen der Metropole Tamale und dem dörflichen Karaga unterhielten, über Religion, über den Brexit, über seinen kürzlichen Umzug und über Vieles mehr…

Für alle Wege verwendeten wir das Motorrad, aufgrund der Trockenzeit waren die Feldwege zu den Communities ziemlich staubig.

So sieht exemplarisch eine Projektimplementation bei NORSAAC aus, wobei VYA nur eines von knapp 25 unterschiedlichen Programmen der Organisation ist. Diese Programme verfolgen dabei unterschiedliche Strategien für nachhaltiges Empowerment, unter anderem mittels ökonomischer Chancen, Gesundheitsvorsorge oder Bildung – mehr dazu gibt es auch in meinem Beitrag „Die Einsatzstelle NORSAAC„.   Ich hoffe jedenfalls, euch demnächst wieder so ausführlich von einem Projekt berichten zu können!

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