Ein FSJ in Ghana Folge 27: Dagomba …

Ein FSJ in Ghana Folge 27: Dagomba …

Inusah

… ist eine der einflussreichsten ethnischen Volksgruppen in Ghana mit Zentrum in Nordghana – inklusive Tamale. In meinem Alltag komme ich daher täglich in Kontakt mit verschiedenen kulturellen Aspekten der Dagomba. Die Wissenschaft konnte sich noch nicht auf eine eindeutige Definition von „Kulturen“ einigen – und selbst innerhalb einer Kultur hat wohl jede Person ein individuelles Verständnis von ebendieser. Vielleicht lässt sich sagen, dass Kulturen die Lebensrealitäten einer Menschengruppe zusammenfassen, inklusive deren Glaube, Kunst, Werte und Normen, Sprache und Institutionen, die über Generationen weitervererbt und ansozialisiert werden. Daher sind ihre Grenzen stets fluide und Kulturen nie statisch. 

In diesem Beitrag möchte ich euch im Land der Dagomba willkommen heißen. Dabei greife ich auf meine eigenen subjektiven Beobachtungen und auf das Wissen meines Freundes und Dagbani-Lehrers Inusah zurück. Dabei möchte ich allerdings weniger auf die Ethnizität „Dagomba“, als vielmehr kulturelle Aspekte wie Normen und Werte sowie Religion eingehen. 

 

Das Königreich Dagbon

Der Ursprung der Dagomba lässt sich auf das 15. bis 16. Jahrhundert datieren. Laut Inusah seien die Volksgruppen der Dagomba, Mamprusi, Nanumba und Mossi jeweils von einem Bruder gegründet worden – „they are all family from one ancestor.“ Deshalb seien auch bis heute sprachliche Ähnlichkeiten vorhanden.

Das Königreich erstreckt sich über große Teile der Northern Region und hat sein politisches Zentrum zwei Stunden östlich von Tamale in Yendi. Hier residiert der König, aber jede Community hat einen eigenen Chief, die in sogenannten Paramountcies organisiert sind. Dieses Chiefsystem umfasst alle drei Gewalten und besteht parallel zu staatlichen Strukturen.

 

Beim Damba-Festival wird der Chief traditionell unter einem Schirm bunt und laut durch die Stadt begleitet.

Religiöse and kulturelle Festivals

Vergangene Woche wurde das sogenannte Damba-Festival gefeiert. Laut Inusah geht der Ursprung des Festes auf die Geburt des muslimischen Propheten Mohammeds zurück – falle aber zusammen mit der Tradition der Dagomba. Das dreistufige Festival (Somo Damba, Naa Damba und Belkulsi) diene hauptsächlich der Glorifizierung der Chiefs und am Höhepunkt würden alle Chiefs unter viel Jubel zum Paramount Chief ziehen.

Das zweite wichtige Festival im August markiert das neue Jahr in der Zeitrechnung der Dagomba: „The fire festival is celebrated on the first month of the year. […] You know, the traditional months of the Dagomba does not really follow with the European or English type of months. […] There is a belief that one chief in the older times, our ancestors, the son got missing during the daytime. So they were looking for the son, they were not finding the son and it got to the nighttime.” Jährlich empfinden nun Dagomba die erfolgreiche Suche nach und ziehen feiernd mit Fackeln durch die Nacht. „On that day Imams come to the Chiefs Palace. And they tell the chief what will happen in that year […]  and the things that would be sacrificed at that day in order to prevent some certain bad occurrences.”

Islamische Einflüsse ziehen sich im Land der Dagomba durch persönliches und öffentliches Leben, die große Mehrheit ist muslimisch – mehr dazu habe ich bereits in der Folge 22: Islam geschrieben. Inusah erklärt diese islamische Dominanz im sonst überwiegend christlichen Land wie folgt: „[Dagombas] were used to some of these traditions, or some of these taboos or rules before the introduction of Islam religion.” Durch einige Ähnlichkeiten der Dagomba und des Islams, hätte sich der Islam schließlich gut etablieren können.

Besonders früher war ein Ahnenglaube, die sogenannte traditionelle Religion, verbreitet: „They believe in the smaller Gods, worshipping their ancestors. They believe in the existence of the supreme being, but they believe that before [the] supreme being can listen to [you], you have to get through your ancestors. So that’s how they worshipped.” Inusah erzählt, dass einige Menschen auch verschiedene Glauben vereinen; am meisten sei der traditionelle Glaube heute jedoch im ländlichen Gebiet verbreitet.

 

Kultur zwischen Modernisierung und Westernisierung

Gastfreund*innenschaft und Respekt sind Kernwerte der Dagombas, letzterer insbesondere vor älteren Personen. „There is a typical Dagomba culture that when you wake up in the morning you need to go and greet your mum or your father. Before you go anywhere, you ought to […] greet the elderly in your home.” Bei Begrüßungen deutet die jüngere Person häufig eine Verbeugung an, „Sir“ und „Madam“ sind inzwischen auch Teil meines alltäglichen Sprachgebrauches.

Sowohl vor einem religiösen als auch kulturellen Hintergrund schätzen Dagomba Nächstenliebe und Gastfreund*innenschaft. „[You ought to receive] all kinds of people, whether you know them or not, whether they are good or they are bad. Receiving them and then treat them the best way you can.” Und aus eigener Erfahrung kann ich dies auch nur bestätigen… 

Bei diesen Beispielen betont Inusah allerdings immer ein gewisses Stadt-Land-Gefälle. Durch Modernisierung, Globalisierung und gestiegene Mobilität sei die Kultur etlichen (positiven wie negativen) Einflüssen ausgesetzt – insbesondere in urbanen Gebieten würden viele Traditionen verschwinden und kulturelle Normen an Bedeutung verlieren.

Nichtsdestotrotz definieren sich hier viele Menschen über ihre ethnische Zugehörigkeit: „I’m proud to be a Dagomba because I believe and I trust the culture that our ancestors have brought to us. [And if I have the change to be in Germany or anywhere, I’ll be using my local dresses just to showcase my culture to the world.]”

Dieses starke Kulturbewusstsein ist mir in Deutschland kaum begegnet – auch mir war “die” deutsche Kultur zuvor nie wirklich bewusst und erst durch Vergleiche im letzten Jahr fange ich an, Begriffe wie „Kultur”, „Ethnizität“ und „Tradition” auf Deutschland zu beziehen. Es ist meiner Meinung nach ein häufiger Irrglaube, diese Wörter könnten lediglich auf Länder des Globalen Südens zutreffen. Immerhin haben wir auch in Deutschland Normen und Werte, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen prägen. Hier nur ein paar Beispiele: Wir sage „Gesundheit“, wenn jemand in der Bahn niest, sprechen sonst jedoch kaum mit Unbekannten. Wir nutzen Essen als Gelegenheit zum Socializen und wir gehen dafür auch gerne mal aus, zahlen aber getrennt. 

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