Ein FSJ in Ghana Folge 29: Hafsah

Ein FSJ in Ghana Folge 29: Hafsah

Hafsah

Heute möchte ich euch in ein paar Lebensausschnitte meiner Freundin Hafsah mitnehmen. Hafsah habe ich vor etwa einem halben Jahr kennengelernt, als wir gemeinsam die Wohnung einer Kollegin gestrichen haben. Seitdem trafen wir uns oft in der Stadt, und ich durfte im Juli gemeinsam mit ihr und der Familie ihres Bruders das muslimische Opferfest feiern. Auch sonst nimmt sie mich auf verschiedene Feste mit, und wir probieren uns gemeinsam durch verschiedene lokale Gerichte. Letztens habe ich sie um ein Interview für meinen Blog gebeten, und auf eigenen Vorschlag wollte sie mir mehr über ihr Leben erzählen. 

Ihre Geschichte kann nicht auf andere Ghanaer*innen übertragen werden. Dennoch finde ich es sehr aussagekräftig, wie Hafsah ihre eigene Rolle und in der Gesellschaft gefunden hat und jetzt zuversichtlich in die Zukunft plant. 

 

Kindheit

Noch ganz jung wurde Hafsah von ihrem Vater in ein Dorf bei Tamale geschickt, um dort gemeinsam mit ihrer Tante zu leben. Ihre Mutter war zwar von vorneherein dagegen, aber als „head of the house“ traf ihr Vater die Entscheidung. Zudem war es in Hafsahs Kindheit üblich, dass Verwandte beim Aufziehen der Töchter halfen. 

Ihre Tante behandelte Hafsah nicht verantwortungsbewusst und benachteiligte sie im Vergleich zu den leiblichen Kindern: Zum Beispiel durfte Hafsah bei ihrer Tante nie Zucker zum Koko hinzufügen – Koko ist der ghanaischen Porridge aus gekochtem Hirsemehl und wird gewöhnlich mit Zucker und gerösteten Erdnüssen getrunken. Zudem wurde Hafsah physisch und mental misshandelt. 

Um die zusätzliche Belastung eines weiteren Kindes zu verringern, half Hafsah schon jung im Haushalt mit. Die Erntesaison verbrachte sie üblicherweise auf dem Feld statt in der Schule – Hafsah kann sich noch gut daran erinnern, dass ihre Mutter ihr eine Schuluniform schickte, sie zu diesem Zeitpunkt allerdings gar nicht zur Schule ging. Außerhalb der Erntesaison verkaufte sie Waren auf dem Markt oder zog damit durch die Dorfcommunity. Ihren Verdienst gab sie anschließend ihrer Tante, die sie dann ohne Essensgeld in die Schule schickte. Deshalb kam sie in der Mittagspause immer nach Hause, um dort Reste zu essen.

An diese Zeit hat Hafsah keine guten Erinnerungen, und sie betete damals, nach Hause zurückkehren zu können. Glücklicherweise traf sie beim Warenverkauf eine Frau, die sie unterstützen wollte, und auch der Chief war bereit zu helfen. Als ihre Tante Hafsah in die Hauptstadt Accra senden wollte, um dort gemeinsam mit ihrer Cousine Waren zu verkaufen, schritt ihr Onkel ein und schickte sie stattdessen zurück nach Tamale. Die damals 13-Jährige war allein in Tamale orientierungslos, traf aber durch Zufall oder ein Wunder auf ihre Mutter, die vor dem Haus auf sie wartete. Hafsah erinnert sich, dass sie ein weißes, zu langes Kleid ihrer älteren Cousine trug. 

 

Das Streichen hat zwar lange gedauert, hat aber auch sehr Spaß gemacht und am Ende hatten wir eine schön bunte Wand!

Jugend

Von nun an lebte Hafsah wieder mit ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern. Sie lebte sich in das Großstadtleben ein und ging regelmäßig zur Schule. 

Später nahm sie an einem Programm meiner Einsatzstelle Norsaac teil und wurde zu einer professionellen Streicherin ausgebildet, ein sehr ungewöhnlicher Beruf für Frauen hier in Nordghana. Auch wenn sie durch den Beruf nicht allzu viel verdient, hat sie zumindest ein eigenes Einkommen für Kleidung und andere Dinge. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen ist sie dadurch auch finanziell unabhängig von Männern und wurde, anders als von ihrer Tante prophezeit, nicht frühzeitig schwanger. 

 

Erwachsensein

Heute ist Hafsah eine selbstbewusste, offene und eigenständige Frau, aber die Kindheit bei ihrer Tante beeinflusst sie noch immer: Bis heute verträgt sich die Familie nicht gut und Hafsah ist sich sicher, dass sie eigene Kinder unter keinen Umständen zu Verwandten schicken würde. Im Vergleich zu Bekannten, die bei ihren Eltern in Tamale aufgewachsen sind, hat Hafsah weniger Chancen und weniger Erfahrungen. 

Gleichzeitig meint sie, dass ihr Empathievermögen für Missbrauchte und ihre Leidenschaft für Freiwilligenarbeit in dieser Zeit entstanden: Als Kind wollte sie ein Hochhaus bauen, das Gruppen sozial benachteiligter Menschen unterstützt – das erste Stockwerk wäre ein Waisenhaus, darüber wäre eine Moschee und Stockwerke für Menschen mit Beeinträchtigungen/ Behinderung, Witwen und ihre eigene Familie. Inzwischen hält sie diese Idee für unrealistisch und möchte stattdessen andere Frauen und insbesondere Drogensüchtige ebenfalls in den Bausektor bringen. Schon jetzt ist sie für viele junge Frauen ein Rollenvorbild innerhalb der Community, ist aber finanziell noch nicht gesichert genug, um diese ökonomisch zu fördern. 

dav

Im nächsten Jahr plant Hafsah zu heiraten; einerseits auf Rückfragen ihrer Eltern hin, andererseits, weil inzwischen die meisten ihrer Freundinnen verheiratet sind. Auch wenn sie immer wieder hinsichtlich Heirat, Bildung und sogar Kleidungsstil bevormundet wird, freut sich Hafsah schon auf die Hochzeit und ist glücklich und dankbar für alle Erfahrungen. 

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